Immer weniger Deutsche glauben an Gott. Aber immer mehr an Engel. Von den vielfältigen Erscheinungsformen eines Wesens, das da ist, wenn man es braucht.
In Deutschland, das zeigen Umfragen, glauben 40 Prozent der Menschen an die Existenz von Engeln. Es wäre nicht falsch, zu behaupten: Engel sind auf dem Weg, so populär zu werden wie Gott. An den glauben 55 Prozent der Deutschen, aber es waren schon mal mehr. Während Kirchengemeinden stetig über Mitgliederschwund klagen, ist der Glaube an Engel gestiegen. Auch Leute, die mit Beten und Taufen und Pfarrern nichts anfangen können, haben ein enges Verhältnis zu ihnen. In Ostdeutschland haben die Engel Gott sogar schon überholt. Es scheint, als seien inzwischen viele von ihnen selbst aus der Kirche ausgetreten.
Der Engel: an sich eine zauberhafte Vorstellung. Er kommt herabgeschwebt, tut Gutes und stellt keine nervenden Fragen. In der Bibel werden Engel oft, ohne nähere Angaben zu ihrem Äußeren, als Männer bezeichnet. Die Propheten Jesaja und Hesekiel haben Visionen, die man heute psychedelisch nennen würde. Sie sehen Gestalten mit Löwen- und Adlergesichtern oder feurige Engel, in denen Gesichter, Flügel und Füße durcheinandergehen. Hufe aus blinkender Bronze. Vier Flügel, vier Gesichter. Zwischen ihnen drehen sich vier von Edelsteinen funkelnde Räder. Und die Engel rufen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere, und alle Lande sind seiner Herrlichkeit voll!“
Diese Visionen und noch blumigere apokryphe, also nicht in die Bibel aufgenommene Texte beflügelten vor allem im Mittelalter die Fantasie von Theologen und frommen Grüblern: wie Engel aussehen und woraus sie eigentlich sind.
Während die zweite Frage, woraus die Engel bestehen, schwierig zu klären sein dürfte, ist die erste Frage, wie Engel aussehen, hinlänglich bekannt.
In seinem ZEIT-Artikel schreibt David Hugendick: Gib dem Menschen einen Stift, und er malt wahrscheinlich ein Männchen mit Flügeln. Gib einem Maler einen Pinsel, und Engel sehen ähnlich aus, meistens nur ein wenig besser. Würdige Männer mit ernsten Mienen und starren Blicken schweben durch die Kunstgeschichte, durch Kirchenfresken und Sonderausstellungen. Da sind aber auch eher weiblich wirkende Flügelwesen mit Leiern, Weihrauch und Trompeten, die den erretteten Seelen beim Speedy Boarding in den Himmel assistieren. Und natürlich: wohlgenährte Babys und Kleinkinder. Kokett gelangweilt schauen sie herauf ins heilige Geschehen, als ginge sie das ganze Theater im Grunde gar nichts an.
Die monotheistischen abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam kennen Engel als Geistwesen in meist geflügelter Menschengestalt, die von Gott erschaffen wurden und ihm untergeordnet sind. In der Bibel werden Engel mit einer Vielzahl unterschiedlicher Erscheinungsformen beschrieben. So wird von vielen Gestalten berichtet, in denen die Engel in Erscheinung und Aktion treten. Je nach Aufgabe nehmen sie unterschiedliche Gestalten an.
Das Buch Tobit, eine Spätschrift des Alten Testaments, berichtet, dass sich der Erzengel Raphael in der Gestalt eines Mannes Tobias zu erkennen gab und ihn auf dessen Reise begleitete (Tob 5). Im Feuerofen erschien ein Engel als Jüngling (Dan 3). Ganz anders sehen wiederum die Paradiesengel aus. Sie stehen vor dem Eingang des Paradieses mit einem Flammenschwert in der Hand (Gen 3,24). Die Geheime Offenbarung schildert das Aussehen der Engel so: „Und vor dem Thron war etwas wie ein gläsernes Meer, gleich Kristall. Und in der Mitte, rings um den Thron, waren vier Lebewesen voller Augen, vorn und hinten. Und jedes der vier Lebewesen hatte sechs Flügel, außen und innen voller Augen.“ (Offb 4,6.8).
Jesaja beschreibt die Gestalt der Engel folgendermaßen: „Serafim standen über ihm. Jeder hatte sechs Flügel: Mit zwei Flügeln bedeckten sie ihr Gesicht, mit zwei bedeckten sie ihre Füße, und mit zwei flogen sie.“ (Jes 6,2). Am Anfang des Ezechielbuches werden die Engel so beschreiben: „Und mitten darin war etwas wie vier Wesen; die waren anzusehen wie Menschen. Und jedes von ihnen hatte vier Angesichter und vier Flügel. Und ihre Beine standen gerade, und ihre Füße waren wie Hufe von Stieren und glänzten wie blinkende, glatte Bronze. Und sie hatten Menschenhände unter ihren Flügeln an ihren vier Seiten; die vier hatten Angesichter und Flügel. Ihre Flügel berührten einer den andern. Und wenn sie gingen, brauchten sie sich nicht umzuwenden; immer gingen sie in der Richtung eines ihrer Angesichter.“ (Ez 1,5-9).
Es waren weniger die Bibel und die Gelehrten des Mittelalters als vielmehr die Künstler, die den Engeln ihre Standardausstattung verliehen: Flügel, wallende Gewänder, Rauschgold. Über Jahrhunderte ein Lieblingsmotiv religiöser Malerei.
Engeldarstellungen haben eine lange Tradition und waren vor allem in der christlichen Ikonographie zu finden. Ein früher Bericht über die bildliche Darstellung von Engeln findet sich im Alten Testament (2.Chr 3,10-13). Zwei Engelsskulpturen – Cherubim – schmückten den Tempel Salomos. Größe und Bau werden genau beschrieben, die Engel sind mit Flügeln dargestellt. Die Darstellung von himmlischen Wesen mit angedeuteten oder tatsächlichen Schwingen findet sich schon in Bildern altägyptischer, in der Regel weiblicher, Gottheiten. In dieser Art werden z. B. Isis und Nephthys dargestellt. Die Flügel sind meist nicht separat am Rücken, sondern in Form von Federreihen an den Armen angesetzt.
Frühchristliche Kunst stellt Engel als Jünglinge und noch ohne Flügel dar. In den Bildern aus dem 3. Jahrhundert in den Priscilla-Katakomben Roms ist der „Bote Gottes“ nur aus dem Kontext der Figuren zu erkennen. Damit wird jede Ähnlichkeit mit den geflügelten Genien der Antike vermieden. Auch wenn durch christliche Schriftsteller dieser Epoche wie Tertullian Engel schon als geflügelte Wesen erwähnt werden, so beginnt die Kunst erst über hundert Jahre später, sie mit Flügeln darzustellen. Meist sind die Engel mit einer weißen Tunika bekleidet.
Auch in der Gotik werden Engel als Jünglinge dargestellt. Sie werden unter dem Einfluss byzantinischer Darstellung prachtvoller gekleidet oder tragen den Habit, die Ordenstracht eines Mönchs. Es werden ihnen mächtigere Schwingen gegeben, ein Heiligenschein zeigt ihre Lichtgestalt an. In den Darstellungen zur Apokalypse sind Engel als Helfer beim Weltgericht vor allem in der Spätgotik zu finden, auch Darstellungen der Erzengel als kämpferische Schutzpatrone in zeitgenössischer Rüstung.
In der islamischen Kunst tauchen Engel nicht vor dem 12. Jahrhundert auf. Die ersten bekannten Darstellungen von Engeln finden sich auf Münzen aus Diyarbakır in der Türkei. Auf der Titelseite des Kitāb al-diryāq (1198–1199) sind vier Engelsfiguren, tanzend um ein Bild des Mondes, abgebildet. In den ersten Ausgaben von Qazwīnīs ʿAjāʾib al-makhlūqāt tragen Engel einen abbasidischen Turban und rückt sie somit dem männlichen Geschlecht nahe. Im ilkanischen Iran wurden Engel zum ersten Mal zur Illustration von Geschichten und hagiografischen Texten verwendet. Dabei wurden neue Motive aus dem Osten importiert. Die Kleidung aus der Enzyklopädie Dschāmiʿ at-tawārīch von Rashīd al-Dīn (1318) ähnelt der aus chinesischen Darstellungen der Bodhisattva und den spätantiken Helden der sassanidischen Kunst.
In den vielfältigen Szenen der Renaissance mit der Verkündigung an Maria, die Mutter Jesu oder Weihnachtsszenen werden vor allem der Erzengel Gabriel oder Gruppen lobpreisender Engel dargestellt. Die im Stil der Epoche gemalten Engel sind z. B. durch die Bilder von Giotto und Raffaelo bekannt.
Auch im Barock werden Engel prachtvoll in ihrer ganzen Erhabenheit dargestellt, es werden aber auch die auf hellenistische und byzantinische Vorbilder zurückgehende Kinderengel – Putten – sehr populär. Zumindest seit Caravaggio vermischen sich Engeldarstellungen mit der Art, wie schon in der Antike der Liebesgott Eros oder Amor abgebildet wurde.
Durch den Einfluss der Aufklärung trat die Darstellung von Engeln in der Kunst zurück. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts finden sich anstelle der traditionellen jünglingshaften Darstellung häufig weibliche Engelsdarstellungen in der bildenden Kunst. Beispiele für Engelsdarstellungen in der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts finden sich bei Paul Klee oder bei Ernst Fuchs.
Quellen:
— Artikel „Aufklärung“, Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Engel (30.11.2011)
— Engel: Das steht dazu in der Bibel [01.11.2022] in Jesus.de, https://www.jesus.de/allgemein/engel-in-der-bibel-und-im-koran/ (27.12.2023)
— Hugendick, David: Himmel, hilf! [20.12.2023, zuletzt geändert am 24.12.2023] in ZEIT Online, https://www.zeit.de/2023/54/glaube-engel-schutz-gott-bibel/ (27.12.2023)
— Krause, Fynn: Was wir so alles über Engel wissen [20.02.2021] in Gut Katholisch, https://www.gut-katholisch.de/glauben/was-wir-so-alles-ueber-engel-wissen/ (27.12.2023)

